Es tut mir leid ihnen das sagen zu müssen, aber

Ich habe euch schon vom ersten Todesfall erzählt den ich erlebt habe. Darauf folgten viele viele weitere. Es gab Tage an denen mehrere Patienten starben. Es gab harte Wochen in denen Tag  für Tag ein Patient oder mehrere starben. Der Tod war ständig allgegenwärtig. Ich habe viele Patienten beim sterben begleitet. Ich habe ihnen die Hand gehalte. Medikamente gegen Schmerzen gegeben. Sie gelagert. Gewaschen. Gepflegt. Man gewöhnt sich irgendwann daran. Auch wenn das hart klingt. Aber wenn der Tod ständig mit im Raum steht erkennt man irgendwann das er zum Leben dazugehört. Menschen werden geboren, Menschen werden krank, Menschen sterben. Das ist nichts besonderes. Vorallem wenn man täglich damit konfrontiert ist.

Ich habe manchmal bedenken das ich diesbezüglich abstumpfe. Ich sehe oft Angehörige die gerade erst erfahren haben das ihr Familienmitglied gestorben ist. Diese Nachricht zu übermitteln ist Aufgabe des Arztes. Doch es kommt vor das ein Patient im Nachtdienst verstirbt wenn nur ein diensthabender Arzt im Haus ist. So passiert in einem meiner unzähligen Nachtdienste. Der Patient war schwer krank. Multimorbid. Präfinal. Die Angehörigen wussten bescheid das es jederzeit vorbei sein kann. Die Kolleginnen von der Spätschicht hatten der Ehefrau gesagt sie könne jederzeit anrufen und nachfragen wie es ihrem Mann geht.

Die Nacht über war der Patient „schlecht stabil“ wie es so schön heißt. Als ich jedoch morgens gegen 5 ins Zimmer kam atmete er nicht mehr. Ich prüfte ob noch Lebenszeichen da waren. Keine. Also rief ich in der ZNA an und sagte dem diensthabenden Arzt bescheid. In einem solchen Fall muss er auf die Station kommen, den Tod  feststellen, die Todesbescheinigung ausfüllen und die Angehörigen informieren.  Der Arzt war gerade mit einem Notfall beschäftigt und würde direkt danach hoch kommen. Soweit so gut. 30 Minuten später klingelt mein Telefon. Ein Anruf von ausserhalb. Die Ehefrau des Patienten. Sie wollte wissen wie ihr Mann die Nacht überstanden hat.

Strenggenommen hätte ich ihr nicht sagen dürfen was ich ihr sagte. Aufgabe des Arztes. Aber was hätte ich ihr sagen sollen ausser : “ Es tut mir Leid ihnen das sagen zu müssen, aber ihr Mann ist vor einigen Minuten verstorben. Mein Beileid.“

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6 Responses to “Es tut mir leid ihnen das sagen zu müssen, aber”


  1. 1 Chris 31. Mai 2009 um 09:02

    Hm, diese Momente sind immer hart. Nett auch, wenn der Arzt den Schwestern mitteilt, er hätte den Angehörigen Bescheid gegeben, dies aber gar nicht getan hat. Und dann in die entsetzten Gesichter der Angehörigen zu sehen, wenn sie auf Station kommen und man ihnen sein Beileid ausspricht.

    Aber als Abstumpfen würde ich das nicht bezeichnen. Man muss halt versuchen, es nicht so dicht an sich ran zu lassen. Bei euch Schwestern ist das sicherlich nochmal ein gutes Stück schwerer wie bei uns im Rettungsdienst. Ihr kümmert euch wesentlich länger um die Patienten, hegt und pflegt sie, wenn es die Zeit zulässt, lernt sie eventuell etwas näher kennen.
    Im Rettungsdienst sehen wir die Patienten, wenn es nicht gerade ein uns bekannter Patient ist, zum ersten und dann wohl auch zum letzten Mal.

    Ich fand das im Zivildienst auch wesentlich härter, weil man die Patienten über Wochen, teils auch Monate begleitet hat und ihre Schicksale kannte.

  2. 2 Frauke 31. Mai 2009 um 09:51

    Das sind die Momente, wo ich meinen Beruf hasse. Ansonsten liebe ich den Job sehr.

  3. 3 Alex 31. Mai 2009 um 23:03

    Das klingt hart…ich denke aber nicht, dass man überhaupt so abstumpfen kann, dass es einem „nichts mehr ausmacht“. Es ist wohl reiner Selbstschutz…

  4. 4 Svenja-and-the-City 1. Juni 2009 um 09:38

    In meinem Beruf als Polizistin mußte ich ebenfalls einige Male Todesnachrichten überbringen. Ich bin damit niemals richtig fertig geworden und ein ganz besonderer Fall verfolgt mich noch heute.
    Als ich deinen Beitrag las, standen mir sofort wieder die Tränen in den Augen.

    Dennoch: es tut gut, wie gefühlvoll und dabei dennoch sachlich du diesen besonderen Teil des Lebens beschreibst.

  5. 5 Schwestertrauma 1. Juni 2009 um 19:53

    Respekt, dass du es wirklich geschafft hast, den Tod als Teil des Lebens anzuerkennen. Ich finde das echt schwer, gerade wenn man sich lange und intensiv um einen Patienten kümmernt, sehr nahen Kontakt zu ihm hat und er dann einschläft. Man sagt zwar immer so dahin „Der Tod gehört nun einmal zum Leben dazu.“, aber das so richtig zu akzeptieren ist ja dann doch etwas völlig anderes.

  6. 6 krankeschwester 1. Juni 2009 um 20:38

    @ schwestertrauma Ich kann das auch nicht immer akzeptieren. Anfang des Jahres fiel es mir z.B. mehr als schwer. Eine Schulfreundin von mir ist nach einem Unfall auf der Autobahn verstorben. Sie war 25. Gerade mit ihrem Freund zusammen gezogen und fertig mit ihrem Studium. Da fiel und fällt es mir schwer zu akzeptieren das der Tod zum Leben gehört.


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Was sie schon immer über die Kranke Schwester wissen wollten, aber nie zu fragen wagten.

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