Shut up and sleep with me

Es war ein Spätdienst kurz vor Ostern. Ich bringe einer Patientin Kaffee und frage sie dann : „Brauchen sie sonst noch etwas?“ Daraufhin sieht die Patientin mich an, ihre Augen füllen sich mit Tränen und sie beginnt zu schluchzen. Erst kaum hörbar leise, dann immer lauter. Ich schaue sie an und bin im ersten Moment verwirrt. Was ist jetzt los? Hab ich was falsches gesagt? Dann hört das rattern in meinem Kopf auf und es macht *Pling*.

Bei der Patientin ist ein Rezidiv ihres Ovarialcarcinoms festgestellt worden. Ein Zufallsbefund.  Die Patientin hat es heute vormittag bei der Visite erfahren. Von unserem Oberarzt. Er nimmt sich bei solchen Gesprächen soviel Zeit wie möglich.

Auch ich nehme mir jetzt einen Moment Zeit. Setze mich neben die Patientin auf’s Bett und höre ihr zu. Sie erzählt von den vorangegangenen Chemotherapien. Wie schlecht es ihr jedes Mal ging. Zwischendurch muss sie immer wieder aufhören zu erzählen und schluchzt. Ich lege ihr die Hand auf den Rücken und bleibe einfach neben ihr sitzen. Sie soll spüren das ich da bin. Das ich ihr zuhöre. Sie erzählt weiter. Von der ersten Feststellung, dem ersten Rezidiv. Und von der Angst vor der erneuten Chemotherapie. Von der Angst das es ihr wieder so schlecht geht wie all die anderen Male. Ich kann nicht viel sagen. Ich höre ihr nur zu. Als sie zu Ende erzählt hat schaut sie mich an und sagt: „Schwester, ich will noch nicht sterben.“ Ich schlucke.

Ich weiß nicht was der Oberarzt ihr über die Prognose gesagt hat. So wie ich ihn kenne war er ehrlich. Die Patientin weiß also vermutlich das sie das nächste Ostern nicht mehr erleben wird. Das ist die Prognose die uns mitgeteilt wurde. Ich biete ihr an ihren Mann anzurufen. Das will sie nicht, denn „Ach Schwester, der versteht das doch sowieso nicht.“ Ich biete ihr an unsere Krankenhausseelsorgerin anzurufen. Das möchte sie gerne. Unsere Pastorin hat Zeit. Zeit wo wir keine haben.

Das ich mich zu dieser Patientin setzten konnte als es ihr wirklich schlecht ging, das ich ihr zuhören konnte als sie jemanden zum zuhören brauchte ist die große Ausnahme. Es war kurz vor Ostern. Die Station war mit relativ wenigen Patienten belegt. Wir waren mit realtiv viel Personal besetzt. Ein Glück.

Unglücklich finde ich es das Zeit für Gespräche in der Pflege anscheinend keine Rolle mehr spielt. Wir arbeiten jeden Tag mit Menschen die dringend unsere Hilfe benötigen. Sie brauchen Hilfe bei der Körperpflege,  Hilfe bei der Nahrungsaufnahme, Hilfe beim Ankleiden, Hilfe bei tausend kleinen Dingen. Aber was sie auch brauchen ist Hilfe für ihre Psyche oder Seele oder wie immer ihr es nennen wollt.

Im Krankenhaus erwarten viele unserer Patienten täglich Schicksalsschläge. Täglich bekommt jemand eine Nachricht die sein Leben von jetzt auf gleich für immer verändert. Und diese Menschen brauchen jemandem mit dem sie reden können. Und das sind häufig nicht die Angehörigen.  Vielen fällt es schwer mit ihren intimsten Gedanken, Sorgen und Ängsten das vertrauen eines Verwandten oder Freundes zu suchen. Ein Fremder ist meist besser geeignet, weil es ihn  nicht so sehr belastet wie die Familie und Freunde.

Ich habe selbst schon die Erfahrung gemacht das ein Gespräch sehr intensiv werden kann. Das es lange Zeit in Anspruch nimmt. Das manche Gespräche so tief unter die Haut gehen können das man sich dem Gesprächspartner näher fühlt als man es auf irgendeine andere Weise jemals sein könnte. Solche Gespräche verändern eine Beziehung zueinander für immer. Und es kann sein das einem im Nachhinein peinlich ist wie sehr man sich vor dem anderen emotional entblößt hat. Wenn man diesem Menschen dann in seinem täglichen Leben immer und immer wieder begegnet kann das unangenehm sein. Daher kann ich verstehen das viele Patientin ihr Sorgen lieber uns anvertrauen als Familie und Freunden.

Das Problem ist nur, das wir keine Zeit haben. Keine Zeit da zu sein, zu zuhören. Keine Zeit den Patienten „aufzufangen“ wenn er in ein tiefes emotionales Loch zu fallen droht. Die Pflegender – Patient Beziehung ist keine Beziehung im klassischen Sinn. Aber es geht genau wie in einer richtigen Beziehung darum das es Erwartungen und Bedürfnisse gibt.

Die Patienten haben sowohl körperliche Bedürfnisse (waschen, essen etc….) als auch seelische (zuhören, verstanden werden, getröstet werden)

Jetzt stellt euch vor in eurer (Liebes)Beziehung gäbe es keine seelische und emotionale Unterstützung durch euren Partner. Er würde sich lediglich um materielle und körperliche Bedürfnisse kümmern. Wenn ihr jemanden zum reden braucht gibt er euch lediglich körperliche Zuwendung á la „shut up and sleep with me“. Würdet ihr nicht das Gefühl haben das da etwas ganz gewaltig falsch läuft?

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1 Response to “Shut up and sleep with me”


  1. 1 Chris 16. Mai 2009 um 15:03

    Hab zuerst überlegt, was der Titel wohl mit dem Beitrag zu tun hat und vermutet, dass der Beitrag ein ähnliches Thema hat wie der ein oder andere der letzten Tage. Aber im letzten Absatz wurde ich dann schlauer 😉

    Auf jeden Fall finde ich es sehr schön, dass es nach wie vor noch Pflegepersonal gibt, das sich trotz der Zeitnot und Bürokratie noch etwas Zeit für die Patienten nimmt, auch wenn es schwierig ist. Denn da stimme ich mit Dir überein: Der Faktor Mensch, um den es eigentlich geht, kommt heutzutage irgendwie zu kurz. Echt traurig!

    Hab als Zivi auf ner inneren Station mit viel Onkologie gearbeitet. Da habe ich auch das ein oder andere Gespräch geführt bzw einfach nur zugehört, was ich nie in meinem Leben vergessen werde bzw werde ich die entsprechenden Patienten nie vergessen.


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