Irgendwann kommt während der Arbeit im Krankenhaus der Moment vor dem viele Angst haben. Der erste Verstorbene. Man macht sich vielleicht im vorhinein Gedanken wie es sein könnte. Was man fühlen wird. Nunja, um ehrlich zu sein habe ich mir als ich mit der Ausbildung anfing recht wenig Gedanken darüber gemacht. Ich hab mir überhaupt recht wenig Gedanken gemacht, aber das ist ein anderes Thema. Ich möchte euch von meiner ersten (beruflichen) Begegnung mit dem Tod erzählen.
Ich war damals im Unterkurs. Mein zweiter Stationseinsatz. Ich war gerade mal 3 Monate aktiv dabei. Ich arbeitete auf einer internistischen Station, Schwerpunkt Onkologie. Viele sehr kranke Menschen, viel arbeit. Ich machte damals das was ich konnte und durfte, also im Endeffekt nicht viel. Waschen, Vitalzeichen kontrollieren und Klingeln ablaufen.
In einem Spätdienst klingelt es in einem Zimmer ganz am Ende der Station. Die Station war in einem ganz alten Gebäudetrakt untergebracht, endlose Flure, verwinkelt und mit absolut veralteter Technik. Es gab zwar eine Möglichkeit eine Anwesenheit im Zimmer anzuschalten, aber Alarm schellen damit Kollegen zu Hilfe kommen konnte man nicht. Ich begebe mich also in dieses Zimmer in der letzten Ecke der Station. Ein Einzelzimmer in dem eine sehr kranke Patientin liegt. Ich weiß nicht mehr genau was sie hatte, ich erinnere mich nur an Aszites und das sie Sauerstoff bekam.
Ich betrete das Zimmer und sehe ihren Mann und ihre zwei Kinder (beide etwa in meinem Alter). Der Mann kommt auf mich zu und sagt : ” Meiner Frau geht es nicht so gut, können sie bitte mal schauen?” Ich schaue von ihm zur Patientin und sehe das es der Patientin nicht nur “nicht so gut ” geht sondern das es wesentlich schlimmer ist. Präfinal. Kurz vor dem Tod stehend. Damals kannte ich den Ausdruck, aber hatte noch keinen Patienten erlebt der sich in diesem Zusand befand. Ich weiß nicht warum aber ich wusste das es nicht mehr lange dauern wird bis die Patientin stirbt. Ich bat den Sohn der Patientin zum Schwesternzimmer zu gehen um eine Kollegin und einen Arzt zu holen. Alarm schellen ging ja nicht und über die gesamte Station brüllen fand ich in dieser Situation glaube ich auch nicht angemessen. Ich habe versucht bis meine Kollegen hinzukommen die Patientin einigermaßen zu beruhigen. Die Angehörigen hatten es zu diesem Zeitpunkt vorgezogen das Zimmer zu verlassen. Ich war alleine und hielt die Hand der Patientin. Ich weiß das es nicht lange dauerte bis eine examinierte Kollegin und der Stationsarzt ins Zimmer kamen, es waren vielleicht eine maximal zwei Minuten. Aber es hat sich angefühlt wie eine Ewigkeit. Und in genau dieser gefühlten Ewigkeit tat die Patientin ihren letzten Atemzug.
Ich kann mich noch genau daran erinnern was sie anhatte, ein gelbes Nachthemd mit einem Comicmotiv. Ich weiß noch wie das Licht ins Zimmer fiel. Ich kann mich genau daran erinnern wie es war die Patientin für den Transport in die Pathologie vorzubereiten. Geweint habe ich an diesem Tag nicht. Es hat mich berührt, aber es gehörte für mich von diesem ersten Erlebnis an zum Job dazu.
Geweint habe ich einige Tage später. Als ich bei meinen Eltern zum Kaffeetrinken war und die Zeitung durchblätterte. Bei den Todesanzeigen blieb ich hängen. Ich sah die Anzeigen für die Patientin der ich die Hand gehalten hatte. Eine der Anzeigen war von der Firma in der auch meine Mutter arbeitet. Eine recht große Firma, aber ich musste trotzdem Fragen : ” Mama, kennst du die Frau die da gestorben ist aus eurer Firma?” und zeigte ihr die Anzeige. Sie schaut sie sich an und sagt : ” Ja, wir haben eine zeitlang in der selben Abteilung gearbeitet. Bis sie krank wurde waren wir oft zusammen in der Cafeteria zum Kaffeetrinken und quatschen.”
Ich weiß noch genau wie ich die Zeitung hingelegt habe, meinen Kaffee abstellte und anfing zu weinen.
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